Wir fahren nach Braunschweig. Es geht schon um 6:15 Uhr los, wir sind müde. Phillip, einer meiner Schüler, fährt mit unserer Ausrüstung und mir im Auto. Natürlich wäre er lieber bei seinen Freunden im Auto. Aber ich bestehe darauf, dass ich ein Teil des Teams bin und weigere mich alleine zu fahren. Ein Schüler muss also geopfert werden. Jetzt fragt er mich, wie ich unsere Chancen in der zweiten Runde einschätze. Ein Dilemma! Einerseits möchte ich, dass er motiviert ist und alles gibt.
Andererseits muss ich die Wahrheit sagen….
Am Turnierort angekommen überlassen wir Erwachsenen die Kinder sich selbst, und verabschieden uns von ihnen. Wo ist die Nahrungsquelle? Ich muss wach werden, wo ist der Kaffee? Dort treffe ich einen der Coaches von rhsRobotX, kurz rhs. Die waren ebenfalls in Stolzenau. Sogar mit ihrer Nachwuchsmannschaft haben sie uns da besiegt. Natürlich verdienen sie ihre Siege durch Leistung, sie sind die Stärkeren. Dazu gratulieren wir. Aber wir sind sauer, weil sie dabei auch zu unsportlichen und respektlosen Mitteln greifen.
Im Gegensatz zu unseren sonstigen Begegnungen spricht er mich an. Er begrüßt mich freundlich und anständig: „Ah, du bist der Coach von den Robotigers. Wir haben Angst vor Euch.“ Was bitte ist das denn? Sachlich ruhig erkläre ich ihm, dass das unnötig ist. Wir sind nette liebe Menschen und tun niemandem was. Die richtig coolen Antworten werden mir -wie immer- erst später einfallen. Ich trinke jetzt Kaffee.
Die Jury Session:
Bitte an die Vorgeschichte erinnern oder jetzt den Teil 1 nochmal lesen. In Stolzenau hat alles funktioniert. Wir konnten inzwischen die Bewertungsbögen lesen und haben in allen Kriterien Bestnoten. Aber die Jury in Braunschweig sind andere Menschen. Wie werden sie reagieren? Genauso wie Stolzenau, nur das Feedback kommt noch positiver.
Wir werden gebeten, die Forschungspräsentation nochmal vor dem Publikum vorzuführen. Erneut funktioniert alles.
Robotgame Vorrunde:
Wir erreichen 455 von 545 möglichen Punkten. Das ist 50 Punkte besser als in Stolzenau und entspricht dem, was wir im Training zu Hause hatten. Platz 1 ist We aRe oNe mit 525 Punkten. Das ist eine Mannschaft, die ich schon seit 17 Jahren kenne. Sie waren bereits 11 mal auf einer Europameisterschaft, zweimal auf einer Weltmeisterschaft. Von denen sehen wir bestenfalls die Rücklichter. Die sind vergleichbar mit Bayern München. Als ich ein Autogramm von ihnen haben will, lachen sie mich aus. Auch wenn wir ihnen näher gekommen sind, werden die Großen den Sieg und die Tickets für das Finale unter sich ausmachen. Das sind also WeAreOne, rhsRobotix (1 u. 2). Und wer noch?
Dann reiben wir uns die Augen: 455 Punkte sind Platz zwei in der Vorrunde. Alle anderen Mannschaften haben die gleichen Probleme wie wir. Knapp dahinter folgen die beiden rhs-Teams. Die RoboFreaks haben noch 430, aber alles andere ist weit abgeschlagen.
Die Finalrunden:
Im Viertelfinale spielt der erste gegen den achten, der zweite gegen den siebten usw. Es bleiben für das Halbfinale We Are One, beide rhs-Teams und wir übrig. Wir steigern uns im Halbfinale auf 465 Punkte. Es bleiben nur noch die Favoriten und wir. Im Halbfinale fallen die beiden rhs-Teams unerklärlich auf 300 Punkte zurück. Wir stehen im Finale gegen die Super-Truppe von We are One, die bis dahin Punktzahlen weit vor uns hat. Klare Sache… denkt man…
Doch es geschieht etwas Seltsames! Die Schrottbots -ein sehr sympathisches Team, das überwiegend aus Mädchen besteht- fängt an zu schreien. Laut zu schreien. Obwohl wir im Viertelfinale gegen sie gewonnen haben, erfinden sie mal eben spontan eine Schlachtruf-Melodie für uns. Und sie feuern damit mein Team lautstark an. Es entsteht eine Arena-Atmosphäre, alles brüllt nur noch für uns…. Ich habe das Gefühl, von einer Druckwelle überwältigt zu werden. So etwas habe ich noch nie -auch nicht auf über 20 Roboterturnieren- erlebt.
…..und der Roboter von We Are One fängt an, Fehler zu machen….
Erstes Match und wir führen knapp mit 20 Punkten. Zweites Match, gleiches Bild. Der Saal steigert sich, wir gewinnen das Robotgame sogar deutlich mit 95 Punkten Vorsprung. Ich weiß nicht mehr auf welchem Planeten ich grade bin. Das ist gegen jede Wahrscheinlichkeit!
A pro pos: Hat sich schon jemand an die Mathe-Aufgaben gemacht? Jedenfalls hat sich keiner getraut, mir darauf zu antworten.
Zur Kontrolle: Die Wahrscheinlichkeit, dass alle Aufgaben gelingen, liegt bei 3,3%. Die größte Wahrscheinlichkeit haben 12 und 13 Treffer mit über 20%. Das entspricht dann den ca. 480 Punkten.
Als guter Mathelehrer verrate ich Euch aber nicht den Rechenweg. Denkt mal darüber nach! Wir erhalten alle vier Nominierungen und gewinnen das Turnier! Wir fahren in das DACH-Finale nach Leipzig am 18. und 19. April. Nach 20 Jahren Roboter-Arbeit klappt das doch noch.
Menschliches:
Mehrere rhs-Schüler kommen zu uns und gratulieren uns. Anständig. Mehrere rhs-Schüler gehen zu meinem Co-Trainer und entschuldigen sich für ihr Verhalten in Stolzenau. Sehr anständig!!!
Rhs wird Zweiter. Aus dem Ärger ist erst mal die Luft raus. Aleksander -mein Co-Trainer- ermahnt mich, nun die Friedenspfeife zu rauchen. Ich bin noch skeptisch, würde mich aber freuen, wenn es zu einem Dialog kommt. Auch We aRe oNe zeigt wahre Größe! Sie hadern überhaupt nicht. Statt dessen freuen sie sich mit und für uns. „Das war toll. Ihr habt mit uns auf Augenhöhe gespielt“. Wir tauschen Daten und wollen in Kontakt bleiben. Sie sind Dritter, wir sehen uns in Leipzig wieder.
Wir sind nun unter den letzten 20 Mannschaften des deutschsprachigen Raumes.
Fortsetzung folgt. Viele herzliche Grüße
Achim Bohl
